Kein Drahtseilakt!

Der RUD Einkaufsführer für Anschlagketten.

Bildhafte Redensarten sind ja oft Jahrhunderte alt. Manchmal stecken dahinter Erfahrungen, die uns fremd geworden sind, weil sie zu unserer Lebens- und Arbeitswelt keinen praktischen Bezug mehr haben. Für den oft zitierten Satz „Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied“ gilt das sicher nicht. Wer sich professionell mit Anschlagketten beschäftigt, für den ist diese alte Erkenntnis auch heute noch lebenswichtig. Doch der Reihe nach.

Beginnen wir mit einer einfachen Frage: Was ist überhaupt eine Anschlagkette? Antwort: Die Anschlagkette gehört zu den Anschlagmitteln, und ein Anschlagmittel ist ein verbindendes Element zwischen der zu hebenden Last und z.B. dem Kranhaken. Am anderen Ende wir die Anschlagkette wie jedes andere Anschlagmittel idealerweise mit einem geprüften Anschlagpunkt verbunden, der an der Last montiert ist. Kurz: Ohne Anschlagmittel ist der Transport von Lasten mit Kranen praktisch gar nicht möglich.

Anschlagmittel: Welches ist das Richtige?

Wer heute schwere Lasten heben oder transportieren will, kommt um Anschlagketten kaum noch herum. Das war allerdings nicht immer so. Denn Ketten hatten in früheren Zeiten nicht den besten Ruf als Anschlagmittel. Ihre Werkstofffestigkeiten waren gering, dabei waren sie schwer und unhandlich. Heute würde man sagen: ergonomisch nicht tragbar – im wahrsten Sinne. Diese Zeiten sind vorbei. Moderne Anschlagketten bringen hohe Wertstofffestigkeiten mit, durch die sie bei gleicher Tragfähigkeit deutlich weniger Gewicht haben. Gleichzeitig sind sie sehr langlebig, wirtschaftlich und betriebssicher. Allein diese Eigenschaften machen sie meist zur ersten Wahl, wenn es ums Heben und Bewegen geht.

Trotzdem sollen die anderen Optionen hier nicht vernachlässigt werden. Dabei handelt es sich um das Drahtseil und das Hebeband bzw. die Rundschlinge. Drahtseile als Anschlagmittel trifft man in Mitteleuropa heute nur noch bei wenigen Spezialanwendungen an, bei denen Leichtigkeit und Eigensteifigkeit wichtig sind. Weil sie angenehm leicht sind, erfreuen sich synthetische Rundschlingen bei vielen Anwendern großer Beliebtheit. Sie haben allerdings entscheidende Nachteile mit den Drahtseilen gemeinsam: Sie lassen sich nicht verkürzen und sind reagieren ziemlich empfindlich auf scharfe Kanten. Zudem mögen Rundschlingen keine rauen Oberflächen oder extreme Temperaturen. All diese Nachteile, die mit dem Thema Sicherheit zu tun haben, gibt es bei Anschlagketten nicht – vorausgesetzt natürlich, sie werden korrekt angewendet. Gleichzeitig können Sie überzeugende Vorteile in die Waagschale werfen, allen voran die Längenverstellbarkeit mit zusätzlichen Komponenten, sodass sich zum Beispiel unsymmetrische Schwerpunktlagen leicht ausgleichen lassen.

Güteklassen bei Anschlagketten.

Wer eine Anschlagkette kaufen will, muss sich viele Fragen stellen. Eine davon ist: Welche der existierenden Güteklassen soll sie haben? Dazu sollte man wissen, wofür welche der heute verfügbaren Güteklassen (GK) bei Anschlagketten steht. Denn die Tragfähigkeit einer Anschlagkette ist unmittelbar von ihrer Güteklasse abhängig. Beginnen wir bei Güteklasse 8. Diesen Standard gibt es schon seit Anfang der 1970er-Jahre. Wer heute eine Anschlagkette aus Fernost erwirbt, wird feststellen, dass sie dort zu beängstigend niedrigen Preisen zu bekommen sind. Das gilt auch für Anschlagketten der Güteklasse 10, die es seit rund 20 Jahren gibt. Vor etwa 10 Jahren schlug die Geburtsstunde der Güteklasse 12, dem bis heute hochwertigsten Segment bei Anschlagketten. Diese Klasse genießt eine gewisse Exklusivität, weil nach wie vor nur von wenige Hersteller in der Lage sind, sie zu produzieren (RUD ist einer davon). Der entscheidende Vorteil für den Anwender: Im Vergleich mit der Güteklasse 8 kann man bei der Güteklasse 12 immer den nächstkleineren Kettendurchmesser verwenden. In der Praxis bedeutet das: Die Kette ist bei gleicher Tragfähigkeit leichter, wodurch die Ergonomie für den Anwender steigt.

Weil man einer Anschlagkette ihre Güteklasse von außen nicht ansieht, erhält sie bei der Herstellung einen entsprechenden Stempel, für jeden laufenden Meter. Bei einer Anschlagkette kann das dann der Stempel „(H1) 8“ für die Güteklasse 8 oder „(H1) 10“ für die Güteklasse 10 sein. Dabei steht das H für "hochfest" und wird von der zuständigen Berufsgenossenschaft (BG) vergeben. Die Zahl hinter dem H kennzeichnet den Hersteller der Kette. Für die Güteklasse 12 hat die zuständige Berufsgenossenschaft einen völlig neuen Stempel „(D)“ vergeben. Übrigens: Da die Eigenschaften einer Hebezeugkette sich erheblich von denen einer Anschlagkette unterscheiden, sind Hebezeugketten zur Kennzeichnung ihres Grades nicht mit Zahlen, sondern mit Buchstaben gestempelt. So sollen gefährliche Verwechslungen verhindert werden.

Baukastensystem als Möglichkeit individueller Konfigurationen und für einfache Reparaturen.

Anschlagketten sind praktisch immer Teil eines Baukastensystems. Der Vorteil dabei: Sowohl ein Konfektionär (z.B. ein Fachhändler für Hebetechnik) oder auch die Werkstatt eines Anschlagkettenbetreibers kann schnell und individuell Anschlagketten unterschiedlichster Konfiguration montieren. Eine Stärke des Baukastensystems ist, dass sich bei Bedarf auch einzelne Komponenten recht unkompliziert austauschen lassen. Besonders beliebt ist das so genannte Gabelkopfsystem – nicht ohne Grund: Hier werden Bauteile mit einem speziellen Bolzen verbunden. Sicherheitstechnisch das Optimum ist ein verwechslungsfreies Gabelkopfsystem mit nur einem Bolzentyp für alle Bauteile. Der große Vorteil dabei: Falschmontagen wie bei Systemen mit Ösenanschlusselementen und Verbindungsschlössern sind ausgeschlossen.

Zulassung, Kennzeichnung und Prüfzeugnisse

Sicherheit sollte bei Anschlagketten über allem stehen. Wer sicherheitsbewusst handelt, wird deshalb nur Ketten einsetzen, die eine Zulassung der DGUV (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) mitbringen. Erkennbar ist das in den Güteklassen 8 und 10 am oben genannten H-Stempel und in der Güteklasse 12 am D-Stempel auf allen Komponenten. Nur wenn alle technologischen Sicherheitsanforderungen erfüllt sind, erteilt die DGUV diese Zulassung. Wem dieser Stempel oder sogar die eindeutige Herstelleridentifikation unwichtig ist, geht ein erhebliches Risiko in puncto Produkthaftung und einen Verstoß gegen normative Vorgaben ein.

Was macht eine Anschlagkette besonders sicher?

Eine ebenso wichtige Mindestanforderung ist es, dass die einzelnen Komponenten einer Anschlagkette über einen Chargencode rückverfolgbar sind. Einige wenige Hersteller kennzeichnen ihre Bauteile inzwischen zusätzlich mit einem RFID-Chip zur bauteilindividuellen Identifikation. Für den Betreiber ist es in jedem Fall unerlässlich, dass er mit den Anschlagketten ein Prüfzeugnis des Konfektionärs nach DINEN 10204 2.1, eine Konformitätserklärung und eine Bedienungsanleitung erhält.

Wir haben eingangs angedeutet: Eine Anschlagkette ist nur so gut wie die Summe ihrer Komponenten. Darum sollte eine Anschlagkette nicht aus Komponenten unterschiedlicher Güteklassen zusammengebaut werden. Hersteller schließen bei einer „Mischkombination“ die Haftung aus. Genauso wenig sollte man sie aus Komponenten unterschiedlicher Hersteller kostengünstig zusammenwürfeln. Speziell bei den hohen Güteklassen hängt die letztendliche Festigkeit von Details ab, die nur innerhalb eines herstellerspezifischen Systems zum Tragen kommen. Für jede Anschlagkette ist auch ein visueller Kennzeichnungsanhänger Pflicht, auf dem die Tragfähigkeit dokumentiert ist. Wenn dieser Anhänger auch die Funktion einer Prüflehre hat, bringt das dem Anwender einen sicherheitsrelevanten Zusatznutzen.

Das Wichtigste ist aber die Kette selbst. Von ihr darf man als Käufer und Anwender mindestens 20 Prozent Bruchdehnung (im beschichten Zustand) und eine hohe dynamische Festigkeit erwarten. Diese hohe Bruchdehnung macht die Anschlagkette zu einem besonders sicheren Anschlagmittel, denn eine Überlastung lässt sich dadurch schon mit bloßem Auge erkennen.

Prüfung von Anschlagketten

Drum prüfe, wer sich ewig bindet … heißt es bei Schiller. Und wer sich im übertragenden Sinne länger an eine Anschlagkette bindet, muss diese mindestens einmal im Jahr von einem Sachkundigen prüfen lassen. „Mindestens“ heißt: Je nach Einsatzbedingungen kann das auch in kürzeren Zeiträumen notwendig sein. Spätestens nach drei Jahren müssen Anschlagketten dann einer elektromagnetischen Rissprüfung unterzogen werden, die üblicherweise ein dafür zertifizierter Fachbetrieb vornimmt. Eine Probebelastung statt der Rissprüfung durchzuführen ist nicht ratsam, weil Risse sich dabei nicht feststellen lassen.

Checkliste für den Einkauf von Anschlagketten

  • An wie vielen Punkten können die Lasten angeschlagen werden?
  • Haben die Lasten raue Oberflächen oder scharfe Kanten, über die das Anschlagmittel gelegt wird?
  • Wie hoch sind die maximalen Gewichte dieser Lasten?
  • Wie hoch ist die Tragfähigkeit der vorhandenen Krane?
  • Haben die Lasten unsymmetrische Schwerpunktlagen?
  • Treten im Gebrauchsumfeld der Ketten, während des Einsatzes, extrem tiefe oder hohe Temperaturen auf?
  • Sollen die Ketten durch den Anwender in einfacher Form auf ihre Betriebssicherheit überprüft werden können?